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1. Teil:
Das Mädchen mit der wundervollen Gabe 

Ich bin Tierra. In der römischen Mythologie wurde mein Name oft gleichbedeutend mit „Terra“ also der „Göttin der Erde“ gesetzt. Oftmals werde ich gefragt, wie ich an so einen doch recht seltenen Namen geraten bin. Nun das ist eigentlich ganz einfach: Früher, als mein Vater ungefähr so alt war wie ich jetzt, beschäftigte er sich viel mit Sagen und Mythen. Am meisten fasziniert haben ihn dabei wohl die römischen, sodass ich jetzt diesen Namen trage. Abermals glaube ich dass meine Eltern damals schon wussten, dass auch ich mit einer Gabe beschenkt werden würde. Eine Gabe die es mir erlaubt mit Tieren zu sprechen.
Das ich ein Kind des Mondes war (In Venolia glaubt man, dass Menschen mit einer besonderen Gabe, diese direkt vom Mond erhalten und dann auf die Erde geschickt werden, um mit dieser Fähigkeit Gutes zu tun), wurde mir erstmals an einem verregneten Herbsttag im Jahre 1857 klar. Kurz nach meinem siebten Geburtstag spielte ich mit Daciano verbotenerweise am Fluss des Vergessens, als mir ein verletzter Fuchs auffiel. Ich rannte zu ihm, ließ mich auf die Knie fallen  und begann dem Tier gut zuzureden. Aus irgendeinem Grund sagte ich immer wieder: „ Alles wird gut kleiner Fuchs. Lass mich etwas suchen, womit ich deine Blutung stillen kann.“ Ich war fest davon überzeugt ihm damit helfen zu können, also suchte ich nach etwas Moos, als der Fuchs plötzlich zu flüstern schien: „ Lassen sie nur Miss. Ich bin in den Fluss gefallen.“.
Langsam und mit aufgerissenen Augen drehte ich mich zu ihm um, denn ich nahm an Halluzinationen würden mich verfolgen. Um mich zu vergewissern, dass ich nicht spinne, rutschte ich zurück, beugte mich zu dem Fuchs hinunter, legte mein Ohr ganz dicht an seine Schnauze und flüsterte ebenso leise: „Was haben sie da eben gesagt?“
„ Ich bin in den Fluss gefallen“, sagte er wieder. „ Wenn sie die Geschichten kennen, dann wissen sie, was mit denen passiert, die so töricht sind.“
Ich nickte still, denn ich wusste, welche Strafe ihn erwartete. Der Fluss des Vergessens entrieß demjenigen, der ihm auf so eine Art und Weise zu nahe kam oder gar Wasser aus ihm schluckte all seine Erinnerungen. Die Meisten, denen das widerfuhr, wurden wahnsinnig und sie begannen den Verstand zu verlieren. Folge daraus war, dass sie freiwillig den Tod suchten und diesen auch fanden. Ich streichelte dem Fuchs ein letztes Mal über seinen Kopf, bevor ich stolpernd zu Daciano hastete und dem Tier seinem Schicksal überließ…
„ Die, die mit den Tieren spricht.“ hatte Daciano mich damals genannt, als ich ihm davon erzählte.

Heute zehn Jahre später sieht er in mir wohl eine Art Fee oder mystisches Wesen, welches in der Lage ist den Stimmen des Waldes zu lauschen und sich mit ihnen zu unterhalten. Und ich… ich sehe in ihm einen Freund aus Kindheitstagen… aber auch einen jungen Mann, in den ich mich verliebt hatte, schon seit ich das erste Mal begriff, was das Wort „Liebe“ überhaupt bedeutete. Nie hätte ich es gewagt ihm von meinen Gefühlen zu erzählen, da ich befürchtete das könnte unsere Freundschaft kaputt machen.
Lange Zeit glaubte ich sogar, er sei nur noch mit mir befreundet, weil mir diese Gabe geschenkt worden war. Dieser Glaube wurde aber zerstreut, als er mir eines Tages – wir standen unter einer Brücke am Fluss des Vergessens mitten im Wald- ein vierblättriges Kleeblatt schenkte.
„ Das bringt Glück“, erklärte er. „ Du hast es ganz besonders verdient Tierra.“
In diesem Moment liebte ich ihn mehr den je, nicht nur weil er mich zum ersten Mal mit meinem richtigen Namen ansprach, sondern auch, weil ich nun sicher war, dass er mich wirklich mochte für das was ich war und nicht nur für meine Fähigkeit….

Wenn ich jetzt darüber nachdenke, so bin ich eigentlich ganz froh Daciano nie meine Liebe gestanden zu haben. Dieses Kleeblatt allerdings bewahre ich auf als wäre es ein Schatz. Der Beweis unserer ewig währenden Freundschaft……..
Während ich ihnen das Alles erzähle stehe ich hier, unter meinem Lieblingsbaum und sehe meinem Jugendfreund dabei zu, wie er versucht wilde Tiere anzulocken.
„Das wird so nicht funktionieren Daciano“, versuche ich ihm zu erklären. „ Die Seelen des Waldes kommen nur zu mir, wenn sie das für richtig halten. Du verscheuchst sie mit deinem Gejammer eher“.
Daciano fängt schallend an zu lachen. „ Und das aus dem Mund derjenigen, die den ganzen Tag nichts anderes macht“
Ich rolle die Augen und widerspreche: „ Diese Gabe… ich besitze sie, aber sie beherrscht nicht meinen Alltag.“
Um mich milde zu stimmen kehrt Daciano zu mir zurück und lässt sich mit einem unüberhörbaren Geräusch neben mir ins Gras fallen. Sein Grinsen nimmt nicht ab. „ Ach komm schon Tierra. Das war ein Scherz okay? Nur ein Scherz.“
Mit abgestützten Händen an der Taille und einem merklich strengen Gesichtsausdruck, schaue ich auf ihn herab und mustere ihn. Er sieht gut aus, so wie er da liegt. Dichtes schwarzes Haar. Ein markantes Gesicht. Ich fange an zu kichern, denn tief in meinem Inneren könnte ich ihm nie böse sein. Das weiß er und so klopft er auf den Boden und bedeutet mir mich ebenfalls zu setzen. Als ich neben ihm Platz genommen habe, ziehe ich die Beine an und schlinge die Arme darum. Eine Weile herrscht Schweigen zwischen uns, bis Daciano mich plötzlich fragt: „ Wann meinst du ist es Zeit nach Tenova zu reiten?“
Diese Frage hatte ich nicht erwartet. Schockiert sehe ich ihn an. Er scheint zu wissen, welche Gedanken mir durch den Kopf gehen und sagt: „ Keine Angst Tierra. Diesmal musst du nicht alleine gehen. Ich komme mit dir.“
Dass Daciano sich entschieden hat mit mir zu kommen beruhigt mich ein bisschen, dennoch fange ich an zu stottern: „ Bist du sicher das du… ich meine das ist doch…“
Ich spüre einen Finger an meinem Mund und bin auf der Stelle still. Als ob er auch dieses Mal meine Gedanken lesen kann sagt er: „ Ja Tierra, ich bin mir sicher.“ Dann richtet er sich auf, kommt näher. Umarmt mich. Ich will ihn von mir stoßen, da ich Angst habe in Panik zu geraten, aber sein Griff ist so fest, dass ich- so hartnäckig ich mich auch wehre- keine Chance gegen ihn und dem was er tut habe.
„Die, die mit den Tieren spricht muss doch schließlich beschützt werden oder nicht?“
Sein Atem streift meine Wange. Tränen füllen meine Augen. Ich versuche das Schluchzen zu unterdrücken, dass mir die Kehle raufzuklettern droht. Daciano lockert seinen Griff, packt mich stattdessen nur an den Armen und hält mich soweit auf Abstand, dass er mir direkt ins Gesicht schauen könnte. Aber das kann er nicht, denn ich beiße mir auf die Lippen und versuche seinem Blick so gut es geht auszuweichen.
„Tierra, was ist los?“, fragt er, schiebt seinen Zeigefinger unter mein Kinn und dreht mein Gesicht so, dass ich nun doch gezwungen bin ihn anzusehen.
„Du hast Angst, nicht wahr?“, stellt er fest.
„Was ist… wenn er es diesmal schafft mir meine Gabe zu nehmen? Du weißt Auron wäre in der Lage dazu!“, bringe ich zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor.
„Er hat es die ganzen Jahre nicht geschafft Tierra. Warum sollte es diesmal anders sein?“

Ich weiß, dass Daciano Recht hat, aber die Angst ist trotzdem da. Solange ich denken kann sind Venolia und Tenova erbitterte Feinde, denn die Leute aus Tenova sind neidisch. Ihnen war es nie vergönnt in ihrem Land Kinder des Mondes ihr Eigen nennen zu dürfen und so versuchen sie mit aller Gewalt uns für sich zu gewinnen. Alle zwei Jahre werden wir nach Tenova ausgesandt um König Auron Bericht zu erstatten, ob es in der letzten Zeit Geburten von Mondkindern gab. Ist dies nicht der Fall begnügt er sich mit uns, quält uns und reizt unsere Fähigkeiten bis aufs äußerste aus. Auron besteht darauf, dass wir Mondkinder persönlich diese Nachricht bringen, da wir die Einzigen sind, die die Ankunft eines solchen Kindes spüren, bevor es überhaupt geboren worden ist. Und noch etwas rechtfertigt sein Handeln in dieser Beziehung. Er weiß genau, dass wir nicht im Stande sind zu lügen- so gern wir es auch manchmal täten. Wir können es nicht. Ich selber habe immer gedacht Venolias Glaube an die „ Kinder des Mondes“ sei nichts weiter als Unfug, aber selbst dieses Können beweißt nur einmal mehr das wir anders sind.
„Wir schaffen das schon hörst du.“, sagt Daciano. Starr schaue ich in seine Augen, die so voller Hoffnung zu sein scheinen, versuche irgendwas darin zu finden, dass seine Worte glaubwürdig klingen lässt und erwidere: „ Hoffen wir das du Recht hast.“ ……

 
2. Teil: 
Der Ritt nach Tenova

Zwei Wochen vergehen, nachdem ich mit Daciano im Wald auf der Wiese gesprochen habe, als die grausame Wahrheit Wirklichkeit zu werden scheint. Mein Vater schickt einen unserer Diener zu mir. Eciano klopft an meine Zimmertür und spricht: „ My Lady, ihr Vater wünscht sie zu sehen!“
Wie ich das hasse „ My Lady“ ist zwar eine Höflichkeitsanrede, die jemanden sehr hoch stellt, aber ich sehe mich nicht als solche und deshalb verabscheue ich diese oder ähnliche Floskeln. Jeder andere hätte sich darauf wohl etwas eingebildet, aber ich antworte nur:      „ Danke! Richten sie ihm bitte aus, dass ich gleich bei ihm sein werde.“
Ich höre wie Ecianos Schritte vor meiner Tür immer leiser werden. Obwohl ich genau weiß, was mein Vater von mir will, lasse ich mir Zeit bevor ich zu ihm gehe. Ich kämme mir mein schulterlanges braunes Haar so oft durch, bis ich es selber irgendwann Leid bin und die pinke Haarbürste sorgfältig in die Kommode zurück schiebe. Außerdem denke ich, wäre es keine gute Idee dem entkommen zu wollen, was mich sowieso erwartet. Ob ich nun will oder nicht…
Mein Vater sitzt in seinem aus altem Leder gefertigten Sessel, als ich eintrete und wirft mir einen schmerzerfüllten Blick zu. Meine Mutter hingegen ist zu sehr damit beschäftigt, dass Feuer im Kamin zu schüren, um mich zu bemerken. Einen Holzscheit nach dem anderen wirft sie hinein, nur um dabei zuzusehen, wie es in Sekundenschnelle von der Hitze verschluckt wird.
„Tierra, Liebes“, beginnt mein Vater. „Du weißt sicherlich worum es geht!?“ Seine Stimme verrät mir, dass auch er Angst hat. Dieselbe Angst die ich auch zu spüren vernehme, dennoch bemühe ich mich die Fassung zu wahren. „ Ja Vater. Das weiß ich.“ Stocksteif stehe ich da, wohl wissend wie seine Ausführungen weiter gehen.
„Es ist wieder soweit. Auron will Nachricht….“, fährt mein Vater fort.
„…. Ob es in den letzten zwei Jahren irgendwelche Kinder des Mondes gab.“, unterbreche ich ihn und beende damit seinen Satz. Ich habe es satt immer und immer wieder dasselbe zu hören und wünschte er würde mir endlich die Schriftrolle mit der offiziellen Einladung nach Tenova geben und mich gehen lassen, damit ich meine letzten Stunden Freiheit ganz für mich habe. Aber mein Vater denkt gar nicht daran und sagt mit zusehends verblüfftem Gesichtsausdruck: „ Genau…. Du weißt, dass dem nicht so ist, deshalb bitte ich dich. Pass auf dich auf.“ 
„Keine Angst Vater.“, lüge ich ihn an. „ Mir passiert schon nichts. Daciano hat beschlossen mich auf meiner Reise nach Ternova zu begleiten.“
„Das darf er nicht. Er ist….“
„… kein Mondkind. Auch das ist mir durchaus bewusst, aber ich bezweifele, dass er sich von seinem Vorhaben abringen lässt.“

Erst jetzt scheint meine Mutter bemerkt zu haben, dass ich im Raum bin, denn sie richtet sich auf, dreht sich zu mir um. Ihre Augen sind vor Entsetzen weit aufgerissen. Was ist nur los mit ihr? Es ist, als würde sie von alle dem zum Ersten Mal hören. Ich mache mir ernsthafte Sorgen und so frage ich sie: „ Mutter, was ist mit dir? Ist alles ok?“
Sie antwortet mir nicht, winkt mich zu sich und drückt mich so fest an sich, dass ich schon bald keine Luft mehr bekomme. Sie weint. Salzige, nasse Tränen laufen ihre Wangen hinunter und befeuchten meine Schultern.
„Schon gut Mutter.“, versuche ich sie zu trösten. „ Ich verspreche es. Ich werde auf mich aufpassen.“ Ich löse mich aus ihrer Umarmung, nicke meinem Vater noch einmal schweigend zu und verlasse den Raum.
Diese Nacht träume ich schlecht:
Ohne Daciano an meiner Seite reite ich mit Chester im Galopp über Wiesen, Wälder und Länder bis nach Tenova. Wir reiten immer weiter und weiter. Es dauert eine Weile bis ich feststelle, dass ich mich verirrt habe. Wo bin ich? Wie komme ich hier wieder weg? Mir wird klar, dass ich verloren bin. Kein Weg führt mehr hinaus aus diesem Strudel des Nirgendwo…..
Schweißgebadet wache ich auf. Meine Fingerspitzen krallen sich in die Schriftrolle, die ich wohl vor lauter Müdigkeit nicht aus der Hand genommen habe. Heute ist es also soweit. Ich muss meinem Schicksal ins Auge blicken. Ich schäle mich aus dem Gewirr von Kissen und Lacken bis an den Rand meines Bettes, stehe auf und haste zu meinem Kleiderschrank. Die elementarste Frage von dem, was ich heute anziehen werde ist schnell geklärt. Ich entscheide mich für ein dunkelbesches Kleid, welches unheimlich lange Ärmel hat. Bis zum Boden reichen sie. Das Kleid ziert ein Blümenähnliches Muster.
Meine Haare bürste ich mit einer schnellen Bewegung noch einmal durch. Dann husche ich sofort aus dem Haus. Hinunter zum Stall wo die Pferde stehen.
Als ich dort ankomme, ist Daciano bereits daran die Pferde zu satteln. Chester ist zu meinem eigenen Erstaunen schon fertig. Angebunden an einen Holzmast, steht er da und wartet auf mich. Also habe ich doch Recht behalten und Daciano erklärt sich immer noch bereit mir zu folgen. Erleichtert über diese Erkenntnis, dass ich nicht allein sein werde, schiebe ich die Gedanken an den Traum von letzte Nacht beiseite und warte neben meinem Pferd auf Daciano.
Er hilft mir auf, als er ins Freie tritt und steigt dann selbst in die Bügel. Zweifelnd wendet er sich zu mir: „ Bist du soweit?“
Ich nicke kurz und ehe ich mich versehe, schnellen wir auch schon davon.

Es kommt mir vor als wären wir tagelang unterwegs. Dabei sind es erst ein paar Stunden. Ich beobachte den Himmel über mir. Unnatürlich kalt ist es. Selbst für diese Jahreszeit. Die Wolken ziehen sich wie kleine Fäden über den Horizont. Weitere Stunden vergehen. Der Mond beginnt bereits aufzugehen.  Ich halte es nicht mehr aus. Meine Füße fühlen sich an als wären sie Eisblöcke. Meine Finger sind längst taub, sodass ich nicht mehr fähig bin, die Zügel Chesters richtig zu halten.
„Ich kann nicht mehr Daciano. Können wir nicht irgendwo Rast machen?“, flehe ich.
Er schaut mich verständnisvoll an, nickt und hält nach einem geeigneten Platz, welcher uns als Unterkunft dienen könnte Ausschau. Erleichtert atme ich auf, als er sagt: „ Schau dort drüben.“ Er deutet auf einen Felsvorsprung unter dem eine Höhle zu sehen ist. Klein sieht sie aus. Immerhin besser als nichts, denke ich. Es sind noch ein paar Meter, aber der Gedanke an eine Pause gibt mir neue Kraft.
„Sie ist wirklich klein.“, stelle ich fest, nachdem wir die beengte Höhle endlich erreicht haben.
„Weißt du, ob es hier irgendwo Holz gibt?“, frage ich Daciano, während ich versuche mich in unserem Lager wenigstens ein bisschen beschaulich einzurichten und mich auf den kalten Steinboden niederlasse. Er tut es mir nach und ist kurz darauf, damit beschäftigt eine Karte zu studieren, die ihm Aufschluss darüber verschafft, wie weit es noch nach Tenova ist.
„Tierra, wir sind schon längst raus aus dem Wald und hier ist weit und breit nichts als Einöde. Ich fürchte in dieser Nacht wird uns nichts anderes übrig bleiben, als uns gegenseitig zu wärmen.“, antwortet er ohne aufzuschauen.
Der Gedanke Daciano so nahe zu sein gefällt mir aus irgendeinem Grund gar nicht. Dennoch habe ich wohl keine andere Wahl, wenn ich nicht erfrieren will.
„Komm her.“, sagt er, legt die Karte beiseite und streckt einen Arm nach mir aus. Nervös rutsche ich mit langsamen Bewegungen auf ihn zu.
„Nun komm schon. Ich beiße nicht!“, betont er nochmals. Diesmal mit Nachdruck. So nahe ich mich dazu in der Lage fühle, taste ich mich an ihn heran. Er legt den Arm um mich, zieht eine Decke aus unserem Beutel und breitet sie über uns beide aus.
„Daciano?“
„Ja Tierra, was ist?“
„Was meinst du erwartet uns in Tenova?“ Ich merke, wie meine Stimme zittert.
„Ich habe keine Ahnung. Aber eines weiß ich genau. Solange wir uns haben passiert uns nichts. Da bin ich sicher!“
„Ganz sicher?“
„Ja Tierra. So sicher, wie ich mir noch in keiner Sache war.“
Daciano versucht mir die Angst zu nehmen. Dafür bin ich ihm in diesem Moment unendlich dankbar. Ohne noch ein weiteres Wort, falle ich in einen tiefen traumlosen Schlaf.

 
3. Teil:
Die Verwandlung

Tenova ist erfüllt von lauten Stimmen, als Daciano und ich am nächsten Tag dort eintreffen. Überall auf dem Marktplatz sieht man  Kinder hin und herlaufen, lachen und sich gegenseitig fangen. Ein kleines Mädchen. -Wie alt mag sie sein? Etwa sieben- stolpert auf mich zu. Sie hält einen aus Blumen gefertigten Haarkranz in den Händen, zupft mir am Kleid und schaut mich erwartungsvoll an.
„Entschuldigung“, sagt sie sichtlich verlegen. „ Ihr kommt aus Venolia richtig?“
„Richtig!“, stimme ich ihr zu und werfe Daciano dabei einen fragenden Blick zu. Dieser zuckt mit den Achseln. Er scheint das Mädchen ebenso wenig zu kennen wie ich. Ich springe mit einem schnellen Ruck vom Pferd, bevor ich mich dem Mädchen wieder zuwende.
„Wie heißt du meine Kleine?“, frage ich sie, in der Hoffnung sie nicht gleich wieder zu verschrecken.
„Aya!“, erwidert das Mädchen und streckt mir den Blumenkranz entgegen.
„Für mich?“, frage ich sie.
„Ja“, entgegnet Aya. „Jeder aus Venolia bekommt einen.“
Ich bücke mich zu ihr herab, sodass sie mir den Kranz selber ins Haar stecken kann. Das tut sie mit so einer Vorsicht, dass ich gar nicht merke, wie ich ihn Minuten später auf meinem Kopf trage.
„Steht dir wirklich gut“, sagt sie knapp. Ich will sie noch etwas fragen, aber da hüpf Aya auch schon wieder lachend davon.
„Wie hat sie das gemeint: „ Jeder aus Venolia bekommt einen?“
Anstatt mir meine Frage zu beantworten zuckt Daciano abermals nur mit den Schultern.
„Wir sollten lieber gehen und Auron aufsuchen.“
Er hat Recht. Es gibt keine Zeit zu verlieren. Die Pferde an den Zügeln genommen, gehen wir Seite an Seite. Nicht wissend was uns erwartet.

Auron war schon immer ein launischer Zeitgenosse und nicht anders verhält es sich dieses Mal. Seine Gemäuer strotzen nur so vor Glanz und Glitzer. Warten darauf bewundert und angehimmelt zu werden. Mich beeindruckt das eher weniger.
„Nun Tierra, was hast du mir zu berichten?“, schmettert er mir entgegen, nachdem wir bei den Wachen um Anhörung seinerseits gebeten haben. Daciano steht dicht hinter mir.
„So leid es mir tut Auron und so gern ich dir auch bessere Neuigkeiten bringen würde aber…“
„Schweig still.“, unterbricht er mich. Ich bemerke in meiner Starre die mich in diesem Augenblick erfüllt eine andere junge Frau, die mir irgendwoher bekannt vorkommt. Ihre langen roten lockigen Haare schlängeln sich wie tausend Seile an ihrem Kopf hinunter. Plötzlich erkenne ich sie.
Daphne! durchzuckt es mich, wie ein Blitz. Was macht sie hier?
Auron scheint meine Gedanken lesen zu können und bedeutet Daphne mit einer barschen Geste mir zu antworten.
“Tierra“, beginnt sie. „ Sei gegrüßt. Ich bin hier aus demselben Grund wie du. Auch ich habe meine Pflichten als „ Kind des Mondes“ aus Venolia zu erfüllen.“
Jetzt erinnere ich mich wieder. Daphne ist – mit Ausnahme von mir- das einzige Mondkind aus unserem Heimatland. Sie ist ein ganzes Stück älter als ich und beherrscht die Zeit. Genauer gesagt, ist sie in der Lage, diese für einen gewissen Zeitraum anzuhalten.
Schmerz erfüllt meine Seele wenn ich sie so ansehe. Dabei haben wir beide das Gleiche zu erwarten.
„Genug der Nettigkeiten.“, fährt Auron uns dazwischen und urplötzlich ist meine ganze Aufmerksamkeit wieder ganz ihm zugewandt.
„Ich hoffe du weißt was das bedeutet?“, fragt er mich. Ein diabolisches Grinsen breitet sich auf seinem Gesicht aus. Ich weiß was jetzt kommt. Auron wird versuchen mir meine Gabe gleich zu nehmen, da er weiß, dass man meine nicht bis aufs Blut ausreizen kann. Mit erhobener Hand will er gerade damit beginnen sein grausames, nach Macht gierendes Spiel in die Tat umzusetzen, als Daciano sich plötzlich schützend vor mich stellt.
„Du wirst Tierra nichts tun. Hast du mich verstanden du elendiger Mistkerl?“
„Daciano sei still.“, flüstere ich ihm zu. „ Du weißt nicht, was du da sagst.“
„Oh doch Tierra und ob ich das weiß. Auron versucht dich doch nur zu benutzen. Für ihn bist du nichts weiter als eine Marionette.“
Ich versuche ihn zur Vernunft zu bringen, aber die Wut in seinem Gesicht verrät mir das dies völlig sinnlos ist.
„Du kleiner Wicht wagst es mir zu widersprechen?“, knurrt Auron. Er bricht in schallendes Gelächter aus.
Immer noch überzeugt davon Auron trotzen zu können, breitet Daciano nun seine Hände vor mir aus und stellt sich in voller Größe vor mich. Seine Entschlossenheit mich zu beschützen rührt mich fast zu Tränen.
„Es scheint als würdest du den Rat deiner Freundin nicht befolgen.“
Amüsiert hebt Auron einen Finger und hält Daphne in einem Bannkreis gefangen, damit sie ihre Gabe nicht einsetzen kann, während er schließlich brüllt: „ Wer nicht hören will, muss fühlen.“
Ich will Daciano zur Seite stoßen, aber ich bin nicht schnell genug. Schockiert muss ich dabei zusehen, wie Aurons Zauber von meinem Gefährten Besitz ergreift und seine Gestalt einer schwarzen Krähe Platz macht. Auch Daphne schaut dem Geschehen entsetzt zu. Sie versucht sich mit aller Kraft aus Aurons Gewalt zu befreien. Ohne Erfolg. Verwirrt torkelt Daciano auf dem Boden umher. Tränen schießen mir aus den Augen. Weinend lasse ich mich auf den Boden fallen und schluchze immer und immer wieder: „ Es tut mir so leid… es tut mir so unendlich leid.“
Ich blicke zu meinem Feind und versuche eine Antwort in seinem Gesicht zu finden. „Wieso?...“
„Dein junger Freund hier hat wohl nicht gewusst, mit wem er sich anlegt was?“, fragt Auron in meine Trauer hinein.
„Duuu….“, setze ich an und rappele mich wieder auf. Ich will auf Auron zugehen, doch soweit komme ich nicht.
„Wachen!“, schreit er. Sogleich rennen zwei große Männer auf mich zu. „ Bringt sie hier weg. Ich will ihr Geheule nicht ertragen müssen. Und das sie mir nie wieder unter die Augen kommt“
Die Männer packen mich und zerren mich - vor sich - von Daciano weg. Ihr Griff ist so hart, dass es wehtut.
„Nein…nein… lasst mich los ihr gemeinen, fiesen, hinterhältigen, Dreckskerle. Dacianooo…“ Meine Stimme hallt im ganzen Raum wieder. Einer der Männer hält mir Mund und Nase zu, um meine Schreie zu ersticken. Das Letzte was ich sehe ist Daphne, wie sie aus ihrem Bann erlöst wird und bewusstlos zu Boden fällt. Dann verliere auch ich das Bewusstsein… 

 
4.  Teil:

Flucht aus dem Land  ohne Wiederkehr

Gepeinigt von Kopfschmerzen komme ich wieder zu mir. Mein Arm brennt. Er fühlt sich an, als würden Millionen kleiner Nadelstiche im regelmäßigen Takt auf ihn nieder prasseln. Umgeben von Gestein versuche ich die vergangenen Geschehnisse vor meinem inneren Auge noch einmal Revue passieren zu lassen. Ich erinnere mich an Daciano und mich, wie wir eng aneinander gekuschelt in unserer dürftigen Notunterkunft darum kämpfen nicht Opfer der eisigen Kälte zu werden. An Aya, dass Mädchen welches mir den Blumenkranz ins Haar steckte, der – trotz der vielen Ereignisse- immer noch an seinem Platz ist. Und an Auron, wie er Daciano vor meinen Augen zu einer Krähe machte. Wie viele Stunden mögen seitdem wohl verstrichen sein? Oder sind es gar Tage?

Verzweifelt nehme ich das erste Mal wirklich wahr, wo ich mich befinde. Ein Verließ. Vermutlich unten im Turm. Die dicken Eisenstangen am Gitter lassen mich keinen Weg nach draußen finden. Ich rüttele an ihnen und schlage mit der bloßen Faust dagegen. Es ist mir egal, ob es wehtut. Das Einzige, was ich will ist hier raus.

„ Daciano wo bist du? Wo bist du nur?“
Als mir bewusst wird, dass ich keine Chance gegen die Eisenstangen habe, krabbele ich in die hinterste Ecke meines Gefängnisses und kauere mich auf den Boden. Wie ein Kätzchen rolle ich mich zusammen. Versuche zu vergessen, was war.

„ Ich hätte ihn nie hierher bringen dürfen“, sage ich wieder und wieder zu mir selbst.

„ Es ist alles meine Schuld. Ich hätte wissen müssen, dass…“

„ Tierra?“, ertönt plötzlich eine Stimme hinter mir. Erschrocken fahre ich herum und erblicke Daphne. Sie hat ihre Finger um die Stäbe geschlungen und schaut mich an.

„ Daphne, was machst du hier?“, setze ich an. Ich will noch mehr sagen, aber sie legt den Zeigefinger auf den Mund und ich verstehe sie.

„ Das ist jetzt nicht wichtig“, flüstert sie. „ Wo ist Daciano?“

„ Ich weiß es nicht. Als ich aufwachte, war ich bereits hier.“, erwidere ich und senke den Kopf.

„ Tierra, wir werden ihn finden.“, verspricht sie mir. „ Lass mich dich erst mal hier raus holen.“

„ Aber wie?“, protestiere ich.

Nichts leichter als das!“ In Daphnes Hand klimpert ein Schlüsselbund.

„ Wie hast du…?“, frage ich.

Daphne schüttelt den Kopf, während sie meine Zelle aufschließt. Es ist nicht gut zu viele Fragen zu stellen. Sie ist hier. Das alleine zählt.

„ Komm.“ Daphne spricht so leise, dass ich Mühe habe sie zu verstehen. Sie zieht mich auf die Füße, sodass ich fast falle.

„ Komm schnell. Uns bleibt nicht viel Zeit.“, zischt sie mir zu. Beinahe alleine getragen von ihrem Gewicht, rennen wir durch schier nicht enden wollende enge Gänge. Beide werden wir von Dunkelheit umgeben.

„ Daphne warte bitte.“, keuche ich. Mittlerweile sind wir wieder in einer der oberen Etagen.

„ Wie hast du es geschafft Auron den Schlüssel abzunehmen?“

Daphne fängt an leise zu lachen.

„ Tierra, ich bitte dich. Kennst du Auron denn nicht?“

„ Nicht so gut wie du schätze ich.“

Verblüfft über meine Antwort, fixiert sie mich mit einem komischen Blick.

Ich lasse nicht locker „ Sag schon! Wie hast du das gemacht?“

„ Ich bin nicht dumm Tierra. Auron spielt seine Macht die er haben zu glauben scheint gerne aus. Aber im Grunde ist er nicht viel mehr als du und ich.“
Das verstehe ich nicht und runzele die Stirn.

„ Ich habe ihn bestochen.“, erklärt Daphne weiter.

„ Was hast du ihm versprochen?“ Ich spüre, wie sich ein mulmiges Gefühl in meiner Magengegend ausbreitet.

„ Etwas, dass er sowieso nicht haben kann. Die Zeit kann nicht von jedem X- Beliebigen beherrscht werden. Sie lässt sich nur von denen beeinflussen, die wissen mit ihr umzugehen. Verstehst du?“

„ Nicht ganz.“, gebe ich zu.

„ Nun komm. Es ist nicht mehr weit.“, sagt sie ohne ihre Erklärungen weiter auszuführen und schleift mich mit sich in Richtung Ausgang.

 

Die Pferde stehen noch da, wo wir sie zurück gelassen haben. Anstatt Daciano ist nun Daphne meine Wegbegleiterin. Ich rühre mich kein Stück von der Stelle, als ich sehe, wie sie auf den Rücken des Pferdes von ihm steigt.

„ Worauf wartest du?“ Fragend mustert sie mich eindringlich.

„ Was machst du da?“, frage ich sie zornig. Meine Hände habe ich zu Fäusten geballt.

„ Wie? Was meinst du?“ Verwirrt schaut sie mich an. Sie scheint nicht zu begreifen, worum es mir geht.

„ Das da!“ Ich deute auf Dacianos Pferd, dass sich gelangweilt die Beine in den Bauch steht.

„ Na was wohl?“, gibt sie jetzt ebenso schnippisch zurück. „ Willst du deinen Daciano nun finden oder nicht?“

„ Doch sicher, aber….“

„ Na also! Dann steh nicht da, wie eine Tanneswurzel, sondern komm endlich.“

Wortlos steige ich auf Chester auf, nehme die Zügel in die Hand und folge Daphne raus aus Tenova.

 

„ Mein Verhalten von eben tut mir leid.“, sage ich mit Reue in der Stimme an Daphne gewandt.

„ Schon gut!“, erwidert sie. „ Ich kann verstehen, dass du durch den Wind bist. Du hast viel durchgemacht.“

„ Nicht mehr als du auch.“

„ Mach dir um mich keine Sorgen. Ich komme schon zurecht.“ Sie ist sichtlich amüsiert darüber, dass ich mir Sorgen um sie mache.

„ Wie kannst du das alles so auf die leichte Schulter nehmen Daphne? Ich verstehe dich wirklich nicht.“

„ Tue ich nicht, aber sich seine Angst so anmerken zu lassen, wie du das tust, hilft einem in unserer Welt nicht. Glaube mir.“

Ich schüttele verständnislos mit dem Kopf und den Rest des vor uns liegenden Weges zurück nach Venolia reiten wir schweigend nebeneinander her.

 
5. Teil:

Venolia – Für immer verloren?

Chaos umgibt mich und Daphne. Venolia gleicht einem Trümmerhaufen. Das was ich sehe ist alles, aber nicht unser einst geliebtes Heimatland.

„ Was ist hier passiert?“, frage ich an Daphne gewandt.

„ Ich weiß es nicht. Beim besten Willen, ich weiß es nicht.“

Fassungslos sehen wir beide dabei zu, wie Menschen aus Häusern gelaufen kommen. Andere sich schluchzend  über, im sterben liegende Familienmieder beugen. Wir reiten durch ein Meer aus Leichen. Leichen soweit das Auge reicht.

Mutter  schießt es mir durch den Kopf. Ich habe den Gedanken noch nicht richtig zu Ende gedacht, da spreche ich ihn auch schon aus:

„ Daphne meine Eltern!“

Sie hat verstanden und so schnell uns unsere Pferde tragen, preschen wir zum Haus meiner Eltern vor.

 

Es scheint, als hätte mein Vater bereits auf mich gewartet.

„ Tierra.“ Erleichtert bricht er seine Aktivitäten abrupt ab, als er mich und Daphne erblickt.

„ Was ist hier passiert Vater?“, frage ich nun ihn.

„ Es ist viel geschehen, seit du weg warst mein Kind.“ Er hält inne. Will nicht weiter sprechen.

„ Bitte Vater…“

Seufzend fährt mein Vater fort: „ An dem Tag, an dem du mit Daciano aufgebrochen bist… Auron wusste, du würdest kommen, also sandte er Wachen aus. Sie überfielen Venolia ohne jede Vorankündigung in jener ersten Nacht, die du mit Daciano fort warst.“  „ Also war das alles von Anfang an geplant?“, platze ich heraus.

Mein Vater nickt. „ Ja! Auch das Daciano dich dieses Mal begleitet, hat er anscheinend gewusst. Hätte ich das ahnen können, ich hätte niemals…“

Ich hebe die Hand und gebe ihm ein Zeichen ruhig zu sein. Jetzt wurde mir einiges klar: Die Einladung, die diesmal früher als sonst kam, Die Erkenntnis, dass Dacianos Auftauchen mit mir zusammen ihn so kalt gelassen hattte. Mein Aufeinandertreffen mit Daphne. Das alles ergab jetzt endlich einen Sinn.

„ Verdammt, ich hätte es wissen müssen.“, ergreift Daphne das Wort. Zum ersten Mal, seit wir im Raum sind spricht sie.

„ Was hättest du wissen müssen?“, frage ich sie schockiert.

„ Tierra, es ist lange her. Noch vor deiner Zeit…“

„ Raus mit der Sprache!“ Ich bin so aufgewühlt, dass ich nicht an mich halten kann.

„ Auron hat vor vielen Jahren schon einmal versucht Venolia zu zerstören.“

„ Was?“ Verdutzt schaue ich erst zu Daphne, dann zu meinen Vater und dann wieder zu Daphne.

„ Damals kamen alle „Kinder des Mondes“ ums Leben. Ihre Gaben aber behielt Auron für sich, indem er sie ihnen kurz vor ihrem Tod entriss, so wie er es bei dir auch versucht hat. Nur wir beide, du und ich sind noch übrig geblieben. Für mich ist es deshalb wie ein kleines Wunder, dass du geboren worden bist.“ Damit beendet Daphne ihre Erklärungen für einen kurzen Moment.

„ Eins verstehe ich dennoch nicht!“, bemerke ich. „ Wenn du sagst Auron hat den anderen ihrer Fähigkeiten beraubt, wie kommt es dann, dass er dir deine nicht nehmen kann?“ Ich erinnere mich zwar, wie Daphne mir davon erzählte, als wir gemeinsam aus Tenova flohen, aber so recht will mir das immer noch nicht in meinen Kopf.

„ Die Zeit ist ein unabhängiges Element. Es gleicht Wasser, Feuer, Erde und Luft nicht im Geringsten.“, versucht sie mir meine Frage zu beantworten. „ Wenn Auron meine Gabe hätte, dann würde er damit sein eigenes Todesurteil unterschreiben.“

„ Aber weiß er das denn nicht?“

Daphne verneint meine Frage und fügt hinzu: „ Er ist zwar in der Lage, zu wissen, was jemand im Begriff ist zu tun, aber welche Kraft unsere Gaben haben, weiß er nicht hundertprozentig.“

„ Was ist mit Mutter?“, frage ich meinen Vater, nachdem mir diese wieder eingefallen ist.

Schweigen….

„ Vater…?“ Ich ahne, dass etwas nicht in Ordnung ist.

„ Sie ist von einer Aurons Wachen getötet worden. Sie hatte keine Chance“, gibt er schließlich zu. „ Als ich zu ihr kam war es bereits zu spät. Es tut mir Leid Kleines!“

„ Was?“ Mein Kiefer klappt nach unten. Das ist einfach zu viel, von dem was ich ertragen kann. Tränen beginnen sich in meinen Augen zu sammeln und suchen sich einen Weg über mein Gesicht. Sie betäuben alles bisher da gewesene.

„ Dafür wird Auron bezahlen. Das schwöre ich! Nicht nur dafür, sondern auch dafür, dass er Daciano…“

Daciano, höre ich seinen Namen in meinem Kopf wieder hallen.

„ Vater! Auron hat Daciano durch einen Zauber zu einer Krähe gemacht.“

„ Wie konnte das passieren?“, fragt mein Vater ernst.

„ Er wollte mich vor Auron beschützen. Ich wusste er hätte keine Chance, aber…“ Mir stockt mitten im Satz der Atem. Der Gedanke an Daciano ruft noch mehr Tränen hervor.

„ Hab keine Angst Tierra.“, versucht mein Vater mich zu trösten. „ Hab Vertrauen in dich, dann wirst du es auch schaffen, ihm seine alte Gestalt wieder zu geben.“

Gestärkt von den Worten meines Vaters, will ich sofort aufbrechen, als mich Daphne am Arm gepackt davon abhält.

„ Warte Tierra! Du weißt doch gar nicht wo er ist.“

„ Nein, dass weiß ich nicht.“, stimme ich ihr zu. „ Ich kann es nur vermuten. Du hast doch gesagt du hilfst mir oder?

Einen kurzen Augenblick zweifelt sie an dem, was sie gesagt hat. Dann aber sind Daphne und ich auch schon unterwegs.

 
6.  Teil:

Auf Immer und Ewig 

Unser Weg führt uns noch einmal in die Wälder Venolias.

„ Wo willst du hin?“ Daphne hat Schwierigkeiten mit mir Schritt zu halten.

„ Vertrau mir! Ich weiß, was ich tue.“, schreie ich ihr zu.

Zu Fuß sind wir nicht halb so schnell, wie mit den Pferden, aber das ist mir in diesem Moment herzlich egal…

 

Beide schnappen wir hörbar nach Luft, als wir den Fluss des Vergessens schließlich erreichen.

„ Wo sind wir hier?“, fragt Daphne erstaunt.

„ Am Fluss des Vergessens.“, kläre ich sie auf. „ Sag bloß, er und seine Geschichten sagen dir nichts!?“

„ Ich bin am anderen Ende von Venolia zu Hause Tierra!“ Daphne ist sichtlich verärgert über meine Vermutung. „ Aber jetzt, wo du es sagst – Ja, ich erinnere mich schon einmal hier gewesen zu sein. Vor ein paar Monaten.“

Gemeinsam folgen wir dem schmalen Pfad, bis runter zu der kleinen Brücke unter der ich mit Daciano vor so vielen Jahren gestanden habe. Und als ob mich mein Instinkt nicht im Stich gelassen hat, höre ich das Geräusch, dass ich gehofft habe zu hören. Das Gekrächze einer Krähe. Ganz laut und deutlich dringt es in mein Ohr. Als ich näher unter die Brücke gehe, erhasche ich einen Blick auf sie. Eingeengt von allerlei Sträuchern sitzt sie auf matschigem, von Ästen gepflasterten Boden. Und was ich dann sehe, nimmt mir fast den Atem. Ein vierblättriges Kleeblatt. Direkt in ihrem Schnabel. Ich will zu ihr laufen, doch Daphne hält mich zurück. Ich drehe mich um, um festzustellen, warum sie mich von meinem Vorhaben erneut abhält.

„ Woher willst du wissen, ob es sich bei diesem Vogel wirklich um Daciano handelt?“

„ Lass mich!“, flehe ich sie an. „ Du verstehst das nicht. Das Kleeblatt. Daciano hat mir vor einigen Jahren genauso eines, hier an diesem Ort geschenkt. Deshalb glaube ich… nein ich weiß, dass er es ist.“
Daphne wirft einen Blick über meine Schulter und betrachtet die Krähe argwöhnisch.
„ Also bitte!...“, flehe ich erneut.
Zweifelnd lässt sie meinen Arm wieder los.
Ich laufe zu ihm in der Hoffnung, dass es noch nicht zu spät ist. Behutsam hebe ich ihn auf und bette ihn in meinen Armen. Und ohne es richtig zu realisieren, befinde ich mich in derselben Situation wie damals. Daciano, ich, die Brücke, der Fluss und das Kleeblatt, als Zeichen unserer Freundschaft.
„ Daciano hörst du mich?“, frage ich ihn und halte mir das kleine schwarze Geschöpf so dicht vor die Nase, dass diese fast den Schnabel berührt.
Ich denke, dass er mich versteht, aber da ist nichts.
„ Verstehst du mich?“ will ich abermals wissen.
Wieder schaut er mich durch seine dunklen, kleinen Knopfaugen nur fragend an und legt den Kopf schief.
Was soll ich machen? Was soll ich nur machen? , denke ich.
Panik ergreift mich.
„ Ganz ruhig Tierra!“, schellte ich mich selbst. „ Es bringt dir nichts jetzt die Nerven zu verlieren.“
Was hatte Vater gesagt? Vertraue auf dich und deine Fähigkeiten.
Ich nehme Daciano das Glückskleeblatt aus dem Schnabel und lege es vor mich auf den Boden. Auch Daciano setze ich wieder ab.
Konzentriert schließe ich die Augen und versuche mir alles in Erinnerung zu rufen, was ich je über den Wald, dessen Bewohner und meine eigene Gabe gelernt habe. Ich weiß nicht ob es funktioniert und dennoch versuche ich es. Ich falte die Hände zu einem Gebet und rufe: „ Ihr Seelen des Waldes, wenn ihr mich jetzt hört so bitte ich euch, schenkt mir eure Kraft!“

Ich habe Angst. Angst, dass Daciano nicht wieder zu dem geworden ist, was er eigentlich ist . Nicht wieder zu dem geworden ist, was ich liebe. Es vergehen einige Minuten bis ich mich endlich dazu entschließe die Augen wieder aufzumachen. Ich blinzele ein paar Mal, um mir meiner Umgebung erneut sicher zu sein.
„ Tierra?"
Als ich hoch schaue steht Daciano vor mir.
„ Du lieber Himmel!“ ist das Erste, was ich sage. „ Du bist keine Krähe mehr?“
„ Schätze nicht!“, entgegnet er trocken. Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus und er kommt auf mich zu, um mich in die Arme zu nehmen. Diesmal wehre ich mich nicht. Ich lasse es einfach geschehen.
„ Ich danke dir!“, flüstert er mir ins Ohr.
„ Gern geschehen“, nuschele ich in seinen Oberkörper hinein.
„ Ich wusste du würdest mich finden.“, lobt er mich.
Ich überlege einen kurzen Augenblick, bevor ich es ausspreche: „ Glaub mir Daciano, dich würde ich überall finden!“ Ich halte inne. Bin nicht sicher, ob ich weiter sprechen soll. Tränen laufen mir meine Wangen runter und obwohl ich sicher bin, dass ich nicht vernünftig dazu fähig bin, hole ich tief Luft und fange an zu reden: „ Daciano ich….“
„ Ja?“ Seine Stimme ist immer noch ein flüstern.
„ …. Ich liebe dich! Schon seit ich denken kann. Seit damals, als Kind, hier unter dieser Brücke jeden Tag mehr. Ich bin fast gestorben. Und auch jetzt sterbe ich. In deiner Nähe zu sein ist grausam, aber nicht in deiner Nähe zu sein ist noch grausamer. “, beende ich mein Geständnis, abwartend, ob er irgendwas dazu sagt.
Plötzlich spüre ich, wie ich der Wärme seiner Arme entzogen werde. Als ich ihn ansehe ist seine Miene wieder ernst. Sogleich bereue ich meine Entscheidung, denn in seinen Augen kann ich nichts sehen, was darauf hindeutet, dass es ihm genauso geht. Er bemerkt meinen Blick und fängt wieder an zu lächeln.
„ Dummerchen! Meinst du ich habe all die Jahre etwas anderes getan?“, fragt er mich.
„ Was meinst du?“ Seine Worte verwirren mich.
„ All die Jahre habe ich mich gefragt, wann du endlich den Mut hast es mir zu sagen, denn ich tue dasselbe und ich habe nie aufgehört dich zu lieben.“
Während er das sagt, schiebt er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und küsst mich auf die Stirn. Innerlich bemerke ich wie mir ein großer Stein vom Herzen fällt. In Dacianos Armen wende ich mich an Daphne, die das ganze aus weiter Entfernung beobachtet
hat.
„ Danke dir Daphne! Ohne dich hätte ich das nie geschafft.“
„ Keine Ursache!“, entgegnet sie.
„ Was wird nun aus deinem Pakt mit Auron?“, frage ich sie unsicher, denn mir ist nicht entfallen, was sie ihm versprochen hatte. Auch das Versprechen, welches ich mir selbst gab. Rache für den Tod meiner Mutter brennt mir im Kopf.
„ Um den braucht ihr euch keine Sorgen machen.“, schaltet sich Daciano ein.
„ Wieso? Was ist mit ihm?“ , fragen Daphne und ich wie aus einem Mund.
„ Auf meinem Weg hierher, habe ich gesehen, wie er von einigen Wachen aus Venolia gefangen genommen worden ist. Den lassen die sicher nicht mehr gehen.“
„ Versprich mir eins Daphne“, versuche ich ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich zu lenken.
Sie schaut mich fragend an und wartet, darauf, dass ich fortfahre.
„ Lass uns Venolia wieder aufbauen ja? Zusammen.“
Seit den Erlebnissen mit Daphne sehe ich in ihr nicht nur eine Verbündete,  sondern eine Freundin, die wohl eher einer Schwester gleich kommt. Dessen bin ich mir jetzt sicher.
„ Aber klar doch“, sagt sie lachend, ergreift meine Hand und zieht Daciano und mich mit sich. Raus aus dem Wald, hinein in eine, wie wir alle hoffen, bessere Zukunft.

 
Autoren die mich maßgeblich beeinflusst haben! 
Hier ist es wohl Kristin Cashore, die es verdient hat als Erste genannt zu werden. Ihr Roman „Die Beschenkte“ um ein Mädchen mit der Macht zu töten hat mich sehr fasziniert und inspiriert. Ich griff ihre Grundidee auf und machte meine eigene Geschichte daraus.

Stephenie Meyer, die mir gezeigt hat, wie wunderbar es sein kann, eine Geschichte aus der Sicht der Heldin zu erzählen. Früher habe ich solche Blickwinkel in Büchern abgrundtief gehasst. Heute liebe ich sie und könnte mir nicht mehr vorstellen, etwas Anderes zu lesen.

Mein Lieblingsbuch „ Seelen“ zeigt das sehr deutlich.

Und auch Suzanne Collins mit ihrem ersten Band zu „ Die Tribute von Panem“ indem es um die alljährlichen Hungerspiele in Panem – einem Land, welches aus den Trümmern Nordamerikas entstand – geht. 12 Distrikte, 24 Spieler, eine unter freiem Himmel liegende Arena und der Kampf ums Überleben. Dieses Buch hat mir dazu verholfen eine meiner Geschichten das erste Mal in die Gegenwart zu setzen und meinen persönlichen bisherigen Rekord zu brechen. (415 Seiten in 3 Tagen). Ich hoffe beim zweiten Band werde ich diesen Rekord wieder brechen…. 

 
Künstler die mich begleitet haben!
Da gibt es nur Eine und das ist ganz klar: Najoua Belyzel. Eine französischsprachige Sängerin, die ich im Augenblick mehr liebe, als jede andere Künstlerin. Ihr Album „ Entre deux Mondes“ (Zu Deutsch: Betrete zwei Monde) hat mich während des gesamten Schreibprozesses begleitet. Besonders hervorzuheben sind dabei wohl ihre Songs: Celui qu´il me faut (Er ist derjenige den ich brauche), Comme toi (Wie du), Gabriel (Ein Lied in dem sie über den Erzengel Gabriel singt) und Stella.
Die Stunden des Schreibens mit ihren Songs als Untermalung zu verbringen hat mir sehr gut getan. Dafür ein Dank an dieser Stelle.

Danksagung:
Von ganzem Herzen danken möchte ich Sophie Müller (Ranma – Chan), ohne die diese Geschichte wohl nie entstanden wäre. Deine Schreibwettbewerbe auf Mangaka.de zeigen mir immer wieder auf, zu was ich in der Hinsicht fähig bin und helfen mir mich stetig zu verbessern.

Meinem kleinen Keks (Daniel) für seine Freundschaft und Loyalität. Du hast dich meiner angenommen und mich auch in schwierigen Zeiten nicht allein gelassen. Außerdem warst du einer meiner ersten begeisterten Leser. Ich hab dich sehr lieb.

Daniela für ihre Freundschaft von der ich glücklich bin, dass sie auch über die Ausbildung hinaus noch besteht. Und ihre Tipps beim Schreiben. Diese haben mir wirklich sehr geholfen.

Dank geht auch an meine „ virtuelle Schwester“ Carla für die Begeisterung an meinen Geschichten. Ich hoffe, dass unser Gemeinschaftsprojekt auch so eine wunderbare Geschichte wird, wie es diese geworden ist und das es zukünftig noch mehr gemeinsame Projekte geben wird.

Enzo, von dem ich glücklich bin, ihm diese Geschichte widmen zu können. Dich kennen gelernt zu haben, bedeutet für mich im Moment das größte Glück auf Erden. Danke für die bisherige Zeit, die ich mit dir verbringen durfte. Diese schönen Augenblicke sollten und werden hoffentlich nie enden. Dir habe ich es zu verdanken, dass ich im Moment so stark sein kann – wo ich es sonst eigentlich nicht bin. Ich hab dich lieb.

Und nicht zu vergessen (Ganz nach der Theorie: Das Beste kommt zum Schluss) meinem Vater. Für seine bedingungslose Liebe und seine Unterstützung wann immer ich sie brauchte. Du hast mich ermutigt meine Ziele und meine Liebe zum Schreiben nie aufzugeben. Tausend Dank dafür!

Auch dem Rest meiner Familie gilt ein großes Dankeschön. Ihr seid wunderbar!

 

 

 

Eure Natascha